Christoph Schambach • Komponist

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Leichenoper

"Der süße Duft kommt nicht von Rosen", genannt "Leichenoper"

eine Songoper

Libretto Daniel Morgenroth
komponiert Februar bis April 1989
Besetzung Schauspieler, Chor und Orchester
Uraufführung (UA) 29.04.1989, Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin
erste öffentl. UA 06./07.01.1990 Kino "Babylon" Berlin; Regie: Peter Dehler
Fernsehproduktion Juli/August 1990 DFF, Ausstrahlung: Oktober 1990
1990 Kritikerpreis der Berliner Zeitung
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Inhalt

Hans Rohmayer, ein mittlerer Beamter in den besten Jahren, hat es bisher nicht geschafft, seiner Karriere den nötigen Schub zu geben, sodass er, zwar sich seines Pöstchens sicher, nie in den höheren Beamtenstand aufgestiegen ist. Deshalb auch etwas frustriert und resigniert, gönnt er sich ab und an ein Schlückchen. Seine zutiefst ehrgeizige Frau Lina möchte diesen Durch­schnitts­zustand jedoch mit aller Macht ändern.

Nun begibt es sich, dass die beiden eines schönes Sonntagmorgens, nichts Böses ahnend, in ihrem Ehebett aufwachen. Oh, Schreck! Der Bürgermeister, Herr Leopold Bärentau, sitzt in ihrem Schlafzimmer in einem Stuhl und rührt sich nicht. Schläft er nur, oder ist er gar tot?! Den ersten Schreck überwunden, beginnt unser Ehepaar mit ihrer allmorgendlichen Toilette, als es plötzlich an ihrer Tür klingelt.

Im Folgenden bespielen und besingen sie:

Figuren also, die ihrer Funktion entsprechend, in Form von "Geflügelten Worten" auftreten. Durch diese Figuren wird das arme rohmayersche Ehepaar in die extremsten Situationen gebracht, auf die sie entsprechend reagieren müssen. Mal sieht es so aus, als würde die Beförderung kurz bevor stehen, mal wird Herr Rohmayer des Mordes verdächtigt. Doch als guter Beamter weiß er, wie er sich richtig zu verhalten hat. Oder etwa nicht...?

Kleine Geschichte zur Entstehung der Songoper

Probe der LeichenoperIm Herbst 1988 wurde mit dem 3. Studienjahr der Schauspielschule Berlin "Ernst Busch" das Stück "Berliner November" von Holger Teschke im BAT Berlin inszeniert. In diesem Stück wurden die revolutionären Tage des Novembers 1918 beschrieben - jedoch nicht, wie heute gewohnt, aus kritischer Sicht, sondern nach dem systemkonformen Blickpunkt der damaligen DDR. Ich hatte, als Kompositionsstudent der Weimarer Musikhochschule "Franz Liszt", den Auftrag, diese Inszenierung kompositorisch zu betreuen, da ich im Nebenstudienfach die Studenten der Schauspielschule Berlin im Fach Gesang unterrichtete. Mein Freund Daniel Morgenroth, mit dem ich bereits ein sehr erfolgreiches "Erich-Mühsam-Programm" hatte und der der Librettist der "Leichenoper" ist, war als Schauspielstudent ebenfalls an dieser Inszenierung beteiligt. Nach der am Vormittag erfolgten Generalprobe kam Daniel auf mich zu und legte mir wutentbrannt den Text "Ein jeder hat seine Leiche im Keller" vor, mit der Bitte, ob ich ihn nicht bis zur Premierenfeier - die Uraufführung fand am selben Tag der Generalprobe abends statt - nicht vertonen könne. Da die Musiker des kleinen, aus 4 oder 5 Mann bestehenden "Orchesters", noch im Hause waren, setzte ich mich also hin, vertonte und instrumentierte das Ganze schnell, übte es ein und schon hatten wir für die abendliche Feier eine kleine kulturpolitische Überraschung parat. Diese galt dem Autor Holger Teschke. Der Intendant des BAT Roman Silberstein war so begeistert von dem Song, dass er uns das Angebot unterbreitete, daraus eine Songoper zu machen, die wir in seinem Theater inszenieren könnten. Wir sagten erst einmal großspurig zu, ohne zu bedenken, was da eventuell auf uns zukommen könnte.

Ende Februar 1989 kam Professor Wolfgang Engler auf Daniel und mich zu, um sich zu erkundigen, wie weit wir mit der Oper seien, da wir die Möglichkeit hätten, dieses Werk zu den Studententagen Ende April in der Schauspielhochschule uraufzuführen - er rechne fest mit uns. Bernhardt Minetti, der damalige Rektor der Hochschule und selbst Schauspieler, hatte ein paar Drehtage in der Schweiz und für diese Zeit die Leitung der Hochschule an Prof. W. Engler übergeben, der Experimenten wie der "Leichenoper" sehr aufgeschlossen gegenüber war.

Weder Daniel noch ich hatten Lust, uns anzuhören, wir hätten an der Oper nicht weitergearbeitet, so stimmten wir der Uraufführung am 29.04.1989 zu. Da war nun zunächst guter Rat teuer, da wir außer der "Leiche im Keller" nichts weiter hatten. So setzten wir uns tage- und nächtelang hin und ersannen uns das vorliegende Stück. Die politische Atmosphäre jener Tage wirkte sich natürlich sehr inspirierend auf uns aus. Die fertigen Szenen stellten wir dann am Klavier wochenends den Studenten vor, die Wind davon bekommen hatten, dass da etwas im Busch war. Die Orchesterbesetzung wurde allerdings auch immer umfangreicher und wir hatten das große Problem, dass ich als Student aus Weimar keine Musiker, bzw. Musikstudenten in Berlin kannte. So blieb uns nichts weiter übrig, als in die Musikhochschule "Hanns Eisler" zu rennen, an den Türen zu lauschen, wo jemand übte, dessen Instrument ich benötigte, anzuklopfen und unser Problem zu schildern. Alle waren, auch wegen der halb illegalen und konspirativen Situation, wie aus dem Häuschen. Das wäre doch gelacht, das Projekt nicht zustande zu bringen. Wie ein Lauffeuer ging die Kunde auch unter den Musikstudenten rum und schon hatte ich das Orchester zusammen. Immerhin um die 30 Musiker.

Abends probte ich mit dem Orchester. Nachts, wir hatten heimlich den Schlüssel zur Schauspielschule von Prof. Engler bekommen, probten wir die Szenen und vormittags war ich damit beschäftigt, die soeben entstandenen Songtexte zu vertonen und zu orchestrieren. Zum Schlafen kamen wir nur sporadisch, das machte uns allerdings wenig aus, schließlich waren wir jung und brauchten den Ruhm. Wir haben es tatsächlich geschafft, trotz der etwa 60 Beteiligten, die Uraufführung so lange geheim zu halten, bis es der Hochschulleitung nicht mehr möglich war, das Ganze zu stoppen. So ging die Uraufführung am 29.04.1989 irgendwie über die Bühne und selbst am 30.04. kam es noch zu einer 2. Aufführung, so war es im Programm der Studententage vorgesehen, da war schlecht etwas gegen zu machen.

Anfang Mai wurden Daniel und ich vor die Hochschulleitung zitiert und darüber unterrichtet, dass man uns ein Disziplinarverfahren anhängen würde. Eigentlich wussten wir gar nicht warum, amüsierten uns aber so darüber, dass diese Peinlichkeit innerhalb weniger Minuten zur Lachnummer an der ganzen Hochschule wurde, zumal die Musikhochschule Weimar mir nach erfolgter Uraufführung noch am selbigen Abend zur bestandenen Diplomarbeit gratulierte. Es war extra eine Abordnung von Professoren aus Weimar angereist, was für mich eine riesige Überraschung war. Trotz vieler Anfragen und Bitten durfte dieses Stück dann jedoch nicht wieder gespielt werden.

Der Wendeherbst 1989 änderte das natürlich schlagartig. Noch im Dezember begannen die erneuten Proben und am 06./07.01.1990 erfolgte die eigentliche öffentliche Uraufführung im, damals unbeheizten, Kino "Babylon" in Berlin Mitte. Der Erfolg war so durchschlagend, dass die Inszenierung von den Kammerspielen des "Deutschen Theaters" Berlin als Gastspiel übernommen wurde und dort etwa 20 mal lief.

Morgenroth und ich ahnten damals sicher nicht, welch zeitlose Problematik wir mit diesem Stoff aufgegriffen haben...

Schwierigkeitsgrade

hier gelisteter Werke

1 ganz leicht (Anfänger)
2 leicht (Laienmusik)
3 Amateurmusik
4 Liebhaber
5 Musik für Profis
6 extrem schwierig

werden di­rekt bei den Kom­po­si­tio­nen an­ge­ge­ben.

 

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